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Der Preis der Geschichte

Von: Toni Kaatz am 18. August 2009

Kategorie: Nachrichten Archiv

 

Bei einem Besuch in Mymensingh (im Norden von Bangladesch), mit dem ich mir ein Bild über die Situation der Slums dort machen wollte, begegnete mir im Padgodam-Slum, eher zufällig, eine Gemeinschaft der Urdu-sprechenden Minderheit in Bangladesch, besser bekannt als Biharis. Auf eine schreckliche Art verschieden ist ihre Geschichte von der vieler anderer Slumbewohner , die ich in den letzten sechs Monaten getroffen habe.

Die schmalen Wege der Siedlung sind aufgeweicht vom Regen des vergangenen Tages. Obgleich ihre dicht aneinander gebauten Häuser zum Teil aus Ziegeln gebaut sind, befinden sie sich in sehr schlechtem Zustand. Der erste Bewohner, den ich treffe, zeigt mir die großen Löcher im verwitterten Mauerwerk seiner Behausung. Die Kinder sind, wie immer, neugierig auf den weißen Besucher, die scheuen Mädchen dagegen verstecken sich flugs hinter ihren Schleiern.
Ich frage mich zum lokalen Vertreter der Gemeinschaft durch und werde ins Haus von Shakir Ali eingeladen. Ein prächtiger schneeweißer Bart und eine Hornbrille umrahmen sein freundliches Gesicht. Die Geschichte seines Lebens und seiner Familie ist die von drei Staaten und einer Menge Blut und Tränen. 1944 wurde er im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh geboren. Nach der Teilung des Subkontinents flüchtete die muslimische Familie vor den Hindu-Extremisten in den Ost-Teil des gerade geborenen Staates Pakistan, wo sie einen sicheren Hafen erwarteten. Millionen von mohajir, muslimische Flüchtlinge aus Uttar Pradesh, West-Bengal, und anderen indischen Bundesstaaten, die meisten jedoch aus Bihar (daher die Bezeichnung: Biharis, Zu Namensverwirrung und Identitätsproblem ), mussten von ihrem angestammten Land entwurzelt, auf dem sie über Generationen gelebt hatten. So musste sich auch Ali’s Familie von null eine neue Existenz in ihrer neuen bengalischen Umwelt in Mymensingh aufbauen. Glücklicherweise fand der Vater rasch einen Job bei der Pakistan Railway, seine Muttersprache Urdu war dabei sicher hilfreich. Auch Shakir Ali begann mit 16 als Lokführer zu arbeiten, was guten Lohn und Unterkunft sicherte. Wie viele der Urdu-sprechende Neuankömmlinge nutzte er den Umstand, dass, gegen die Bengali-sprechende Mehrheit, Urdu auch in Ost-Pakistan als Amtssprache eingeführt worden war. Andere arbeiteten für Verwaltung, Polizei oder Armee und standen loyal zu Pakistan. Was zunächst ein Vorteil war, entpuppte sich jedoch schnell als Alptraum.

Schon seit Anfang der Fünfziger brodelte es unter den Bengalen in Ost-Pakistan, die sich nicht mit der Dominanz Islamabads einverstanden fanden.  Bangla war der Träger der Unabhängigkeitsbewegung. Die Unruhe kochte schließlich zum „War of Independence“ über, der bis heute das zentrale Moment bangladeschischer Identität darstellt. Die pakistanische Armee ließ sich die Freiheit teuer abkaufen, zerstörte Infrastruktur und richtete entsetzliche Massaker an. Die Rolle der Biharis darin ist nicht eindeutig. Tatsächlich kämpften sie auf beiden Seiten. 1971 bedeutete die Freiheit und Unabhängigkeit von Millionen von Bengalen von den verhassten Besatzern aus West-Pakistan, die verbleibenden Urdu-Sprecher jedoch bezahlten die Gräuel der pakistanischen Soldateska.

Damit hatte sich die Geschichte auch erneut gegen die Familie von Shakir Ali gerichtet. Über Nacht verlor er Job und Besitz, galt als Verräter und Feind des bengalischen Volkes. Urdu war die Sprache von Vergewaltigern und Mördern. Die indische Armee, die den freedom fighters entscheidend im Befreiungskampf geholfen hatte, konnte nur mit Mühe die folgenden Massaker an den Urdu-Sprechern in Mymensingh eindämmen. Sie sammelte rund 600 Familien ein, die verängstigt über die ganze Stadt verstreut waren und sorgte für ihre „Umsiedlung“ in ein Flüchtlingslager, in dem die Gemeinschaft bis heute lebt. Ähnliches geschah im ganzen Land. Ohnehin als Feinde identifiziert, entschied sich die Mehrheit der Urdu-Sprecher in einer Befragung, zu welchem Staat sie sich selbst zählten (Indien, Pakistan oder Bangladesch) für Pakistan in der Hoffnung auf Hilfe aus Islamabad. Tatsächlich evakuierten die Pakistaner, einer Übereinkunft zwischen Indien, Pakistan und Bangladesh (Tri-partite agreement 1974) folgend, rund 100.000 „Non-Bengalees“, vor allem Offizielle und deren Familienangehörige. Shakir’s Bruder schaffte die Ausreise über Beziehungen, während der Rest der Familie in Bangladesch festsaß. Über 300.000 „Stranded Pakistanis“, wie sie fortan genannt wurden, blieben  isoliert und staatenlos in slum-artigen Lagern zurück.
 
Shakir Ali arbeitet heute als Nachtwächter und ist gleichzeitig der lokale Vorsitzende des „Stranded Pakistanis General Repatriation Committee“. Mit einer stattlichen Sammlung von Zeitungsartikeln versucht er die Geschichte der Gemeinschaft zu bewahren. Die Organisation adressierte jahrzehntelang vor allem Pakistan zur Verbesserung ihrer Lage, die man wohl zu Recht als desaströs bezeichnen kann. Zwar ist die Angelegenheit regelmäßig Thema in pakistanischen Wahlkämpfen gewesen, um die Stimmen der Bihari-Familien zu gewinnen, die noch Angehörige in Bangladesch haben. Entscheidende Schritte hat Islamabad aus Angst vor der Destabilisierung des Landes durch eine neue Welle Flüchtlinge jedoch seit 1974 nicht unternommen und spielt Dhaka immer wieder den schwarzen Peter zu. Wechselnde Regierungen in Bangladesch versäumten jedoch lange die Lösung der Bihari-Frage.  Zugeständnisse aus humanitären Erwägungen heraus waren die Befreiung von Miete und Kosten für Elektrizität in den Lagern sowie monatliche Nahrungsmittellieferungen, die jedoch 2003 gestoppt wurden. Das UN-Flüchtlingshilfswerk fühlte sich unterdessen nicht zuständig für die größte Gruppe Staatenloser in Südasien.
    
„Wir wollen nicht länger nach Pakistan, sondern akzeptiert werden als bangladeschische Staatsbürger. Alle unsere Kinder sind hier geboren und aufgewachsen“, fasst Ali die aktuelle Position der Gemeinschaft zusammen. Er hofft, dass mit der Staatsbürgerschaft auch eine Art Kompensation für das Verlorene folgt. Tatsächlich denkt vor allem die junge Generation von Urdu-Sprechern längst nicht mehr daran das Land zu verlassen in dem sie geboren sind, wie mir Mohamad Hasan in einem Hintergrundgespräch erzählt. Zusammen mit seiner Organisation „Urdu-Speaking People's Youth Rehabilitation Movement“ hat er bis hinauf zum High Court gegen die „Election Commission“ auf das Recht zu wählen geklagt, was einer legalen Anerkennung als Staatsbürger gleichkommt. In zwei wegweisenden Urteilen (2003, 2008 ) entschied das Gericht denn auch klar zu Gunsten der Kläger und forderte die „Election Commission“ auf, alle nach 1971 auf bangladeschischem Territorium Geborenen in die Wahlverzeichnisse aufzunehmen. Bei der letzten Wahl im Dezember 2008 konnten die Biharis so erstmals voll von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen, wie die Beobachtermission der EU feststellte. Auch von den rund 5.000 Einwohnern von Padgodam haben die meisten ihre „Voter’s Card“, die gleichzeitig als Personalausweis (National ID Card) fungiert. Eine Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse hat das jedoch nicht bewirkt. Mit dem Recht zu wählen, ist keine neue Wasserstelle hinzugekommen. Noch immer teilen sich rund 1.000 Leute eine Pumpe. Die sanitären Bedingungen sind gleichfalls katastrophal, schlimmer als ich es in anderen Slums gesehen habe.

Einer weiteren Einladung folgend komme ich ins Gespräch mit Mohammad Hussein und seiner Familie. Er war 17 als aus Ost-Pakistan Bangladesch wurde und lebt seitdem in Padgodam. Seine Geschichte liest sich wie viele andere seiner Generation. Seine Kinder dagegen sind alle hier geboren, haben die Massaker von 1971 nicht miterlebt, müssen aber mit der aktuellen Situation umgehen. Mohammad’s Tochter Liza, eine aufgeweckte 16-jährige, hat begriffen, dass der Weg aus der Armut über Bildung führt. Allerdings sehen sich die Urdu-Sprecher in der Schule Diskriminierungen durch Lehrer und Mitschüler ausgesetzt, wie sie berichtet: „Die Bengalen sind nicht interessiert an uns. Auch die Lehrer machen Unterschiede.“ Ihr Cousin Hira habe daher die Schule abgebrochen. Liza hingegen hat ihre Prioritäten gesetzt und besucht weiterhin die Schule. Ihr Freundeskreis beschränke sich jedoch auf die anderen Biharis, die an ihre Schule gingen. Abgesehen vom Schulbesuch verlässt sie den Slum nie. Vor allem ihre Mutter sei besorgt, dass „böses Gerede“ entstünde. Eine Eingliederung in den bengalischen Mainstream erleichtert das natürlich nicht gerade. Eine Tages will Liza Padgodam aber verlassen und ihrem Bruder Raju folgen, der jüngst sein Ingenieurs-Diploma an der Uni Mymensingh erfolgreich abgeschlossen und einen Job bei einer privaten Baufirma gefunden hat. Interessant ist sein Lebenslauf, den mir Mohammad bereitwillig zeigt. Mit einem vielsagenden Lächeln weist er auf den Teil „Sprachen“ hin: Bangla und Englisch, nicht aber Urdu ist da vermerkt. Auch die Adresse im Kopf ist nicht „Padgodam“ sondern eine andere in Mymensingh. „Wir müssen unsere Identität verstecken, wenn wir unter Bengalen gehen wollen. Sonst würden sie uns nie akzeptieren“, kommentiert Mohammad.

Die Ressentiments der Bengalen gegenüber den Biharis sitzen tief. Die meisten Bengalen, die ich auf dieses Thema angesprochen habe, reagierten negativ. Noch immer scheint die Ansicht, dass sie nicht zur Gesellschaft gehören und besser nach Pakistan auswandern sollten, gängige Meinung zu sein. Auch ein Jahr nach der formalen Anerkennung als Staatsbürger liegt so noch ein langer Weg vor der Bihari-Gemeinschaft, um auch als vollwertige Bangladescher vom Rest der Gesellschaft anerkannt zu werden.
 Mehr Links zur Thematik:

Gute Sammlung historischer Dokumente dazu

Webseite eines 2007 erschienen Dokumentarfilms

Blog berichtet von der Einbindung der Minderheit bei der letzten Wahl

Mehr Dimensionen urbaner Armut in Bangladesch

 

Zuletzt geändert am 07.12.2010 15:49:51 von Toni Kaatz

Unter den folgenden Schlagworten finden Sie weitere Informationen zu diesem Thema:
Bangladesch Biharis Minderheit Slums .

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