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Von: Toni Kaatz am 31. Mai 2009
Kategorie: Nachrichten Archiv
Dhaka, die Hauptstadt Bangladeschs ist eine der am schnellsten wachsenden Mega Citys der Welt. Die genaue Einwohnerzahl ist unklar, Schätzungen gehen von bis zu 15 Millionen aus. Etwa drei Millionen Einwohner leben in Slums und sehen sich einem erheblichen Mangel an öffentlicher (Grund-)Versorgung gegenüber. Das Problem ist oft, dass die Armensiedlungen, juristisch gesehen, illegal errichtet sind, das heißt kein legaler Titel für ihren Aufenthalt auf dem besiedelten Land existiert. Dieser Umstand macht es umso komplizierter für die Slum-Bewohner ihre Grundrechte einzufordern. Behörden wie die Stadtverwaltung von Dhaka (DCC), ignorieren meist die Illegalität der Slum-Bewohner, obwohl diese wertvolle Dienste für die Stadt leisten. Leider scheint es, dass die Bewohner der Armensiedlungen ohne ein Pfand gegenüber den Behörden in der Hand geringe Aussichten auf die Verbesserung ihrer Versorgungssituation haben.
Unter diesen Ausgangsbedingungen fand eine Gemeinschaft von Telugu einen Weg ihre Lebenssituation zum Besseren zu verändern. Die Telugu sind ein Volk indischen Ursprungs (Andra Pradesh), mit eigener Sprache und Kultur, die meisten von ihnen Hindus der untersten Kaste und Christen. Als eine verheerenden Dürre Ende der 1940er ihr Leben als Bauern unmöglich machte, machten die britischen Kolonialherren ihnen ein „geruchvolles“ Angebot: wenn sie einwilligten, nach Dhaka umzuziehen, um dort als Stadtreiniger (Sweeper) zu arbeiten, wäre ihnen Unterkunft und Essenversorgung sicher. Die Stadt brauchte die „Sweepers“, um sich um die Entsorgung aller möglichen Formen von Abfall, der in einer Großstadt anfällt, zu kümmern. Arbeit, die traditionell von Mitgliedern der untersten Hindu-Kaste („Unberührbare“) verrichtet wird. „Ohne wirkliche Alternativen zu haben, stimmten unsere Vorfahren zu und zogen 1947 nach Dhaka“, erzählt John Sander, einer der lokalen Vertreter der Telugu.
Das Abwassersystem im damaligen Dhaka war eine eklige Angelegenheit: Fäkalien wurden in großen Töpfen gesammelt und mussten per Hand abgeholt und am Stadtrand ausgeleert werden. Neben der Straßenreinigung war das die Hauptbeschäftigung der Telugu-Sweeper, ein Job, den die muslimische Mehrheit Ost-Bengalens aus religiösen Gründen ablehnte (direkter Kontakt mit menschlichen Fäkalien wird für Moslems generell als inakzeptabel angesehen). Weil die Telugu bereit waren einen Job zu machen, mit dem sich sonst niemand die Hände schmutzig machen wollte, wurden sie zu wertvollen Angestellten der Stadtverwaltung. Ihr Wert für die Gesellschaft wurde freilich nicht von allen so hoch eingestuft. Die Moslems und die Hindus höherer Kasten waren nicht bereit den Telugu Häuser zu vermieten, da die Sweeper ihnen, wegen ihrer Beschäftigung, als „schmutzig“ galten.
Im Verlauf des explosionsartigen Wachstums der Stadt nach der Unabhängigkeit Bangladeschs von Pakistan 1971, wurde die Telugu-Gemeinschaft immer wieder umgesiedelt, bekamen aber immer wieder Baumaterialien für eine neue Siedlung, Toiletten und Trinkwasser aus der Leitung. Lediglich der Zugang zu Bildung blieb ihnen verwehrt, da die Behörden nicht das Gefühl hatten, dass die Sweeper Lesen und Schreiben können mussten, um die Stadt sauber zu halten. Diese Lücke füllt seit Anfang der Achtziger eine amerikanische NGO.
Anfang 1996 verwüstete ein Feuer fast die Hälfte einer Telugu-Siedlung, damals noch (wie all die anderen Slums) aus Bambus und Wellblech konstruiert. Glücklicherweise wurde niemand ernsthaft verletzt, trotzdem fanden sich viele Familien jetzt obdachlos. Daraufhin wandte sich die, gutorganisierte, Gemeinschaft an ihren lokalen Bürgermeister (Ward Commissioner), der seinen Einfluss bei der Stadtverwaltung geltend machte. Die Telugu forderten den Bau einfacher, aber komfortabler Ziegelhäuser mit Betonfundamenten, um zu verhindern, dass ein erneutes Feuer nochmals solche Schäden anrichten könne. Diese Argumentation, verbunden mit einem Hinweis auf die Bedeutung ihres Jobs für die Stadt, überzeugte und führte zum Bau einer neuen Siedlung für rund 120 Familien noch Ende desselben Jahres (auf Kosten der Stadt). Einstöckige Mehrfamilienhäuser, viel Platz dazwischen, Betonwege, die verhindern, dass die Siedlung während der Regenzeit zur matschigen Pfütze wird und ein Sicherheitszaun, der das ungebetene Eindringen in die Siedlung erschwert. Verglichen mit den Lebenswirklichkeiten der meisten anderen Armen in Dhaka leben die Telugu geradezu bequem. Selbst eine neue Schule, eine Kirche und einen Tempel bauten die Behörden, gleichfalls aus Ziegeln und Beton. Einige Verbesserungen mussten die Familien selbst vornehmen, aber Häuser und Versorgung (Wasser, Strom, Gas) sind kostenlos.
Was die Gemeinschaft jedoch nie erhielt, ist ein schriftlicher Vertrag, der irgendwelche Ansprüche belegen würde, auch wenn die Versprechungen von Seiten der Behörden (unter den Briten, den Pakistanis und heute) bisher immer erfüllt wurden. Die Häuser und das Land, auf dem sie gebaut sind, gehören jedoch noch immer der Stadt, lediglich die kostenlose Nutzung ist den Telugu, eben mündlich, zugesagt. Seit Ende der Siebziger Jahre das System von Sammellatrinen zu Gunsten von Kanälen aufgegeben wurde, hat der Sweeper-Job ein wenig an Ekel verloren. Heute besteht die Aufgabe überwiegend in der Instandhaltung dieser Kanäle, was den direkten Umgang mit Fäkalien reduziert hat. Auch für arme Moslems erscheint der Job daher zunehmend attraktiv. Stadtreinigung scheint nicht länger nur ein schmutziges, sondern auch ein sicheres Geschäft zu sein. Das hat natürlich Einfluss auf die Beschäftigungssituation der Telugu-Sweeper: „Noch immer ist mindestens ein Mitglied jeder Familie Angestellter der DCC [Stadt] und wir hoffen, dass wir weiterhin für sie arbeiten können. Aber wir wissen auch um die steigende Bedeutung von Bildung für unserer Kinder Zukunft“, sagt John Sander. Wer weiß, was passiert, wenn die Behörden einmal das Gefühl bekommen, dass die Dienstleistungen der Telugu nicht länger von Nöten sind?
Zuletzt geändert am 27.08.2009 21:46:57 von urmila
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